Eine Replik auf das Referat der 4. Tagung des Parteivorstandes der DKP

von Monika Strauß

In seinem Referat auf der 4. Tagung des PV am 31.1.2026 über „Überlegungen zur aktuellen Analyse und zu Entwicklungen des Imperialismus“ ruft Patrik Köbele (2026) die Mitglieder der Gruppen und Kreise auf, die Diskussion darüber fortzusetzen. Unsere Imperialismus-Analyse solle weiter geschärft werden und in eine theoretische Konferenz im Juni dieses Jahres münden. Die Grundlage für diese Debatte sei nun das vorgenannte Referat.

Ich befürchte, die Aussagen und Interpretationen von Köbele, neben der Fülle von Zitaten, reichen nicht aus. Wir brauchen eine Analyse von ökonomischen und politischen Ausbeutungs-, Macht- und Konkurrenzbeziehungen, insbesondere in der BRD, um so eine Strategie und Taktik für unsere Klassenkämpfe abzuleiten.

Zum Thema Kolonialismus/Neokolonialismus

Wir brauchen eine historisch-konkrete Analyse über die Entstehung und Entwicklung des Kolonialismus, deren Auswirkungen in unserer Zeit relevant sind. Auf der o.g. Konferenz soll „zur Frage neokolonialer Unterdrückung und Ausbeutung, deren Existenz wir bejahen“ (Köbele et.al. 2026) der Diskussionsstand vertieft werden. Ich hoffe, dass die deutsche Kolonialgeschichte, deren Spuren unübersehbar sind, behandelt wird.

Die Befreiungskämpfe der Völker um ihre nationale Unabhängigkeit im 19. und 20. Jahrhundert waren eine historische Errungenschaft. Ohne die VR China, Kuba, Vietnam, Laos und die VR-Korea wäre heute ein Blick in eine sozialistische Zukunft kaum möglich. Diese Länder haben einen Weg aus feudalen, vorkapitalistischen Verhältnissen zum Sozialismus gezeigt. Ebenso verlangt der Befreiungskampf der Völker Afrikas Beachtung und Würdigung.

Von der Ausbeutung der Kolonialvölker für die ursprüngliche Akkumulation des Kapitalismus in den Mutterländern, über das Wachsen des Monopols aus der Kolonialpolitik, bis zu den Unabhängigkeits- und Befreiungskriegen der Völker, all das finden wir im Referat nicht. Vergleiche bei Karl Marx (1973: 742ff.).

Da es in Köbeles Referat um Lenins Imperialismus-Analyse geht, verweise ich auf W.I. Lenins Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß (1973: 764ff.). In Abschnitt X „Der Platz des Imperialismus in der Geschichte“ schreibt Lenin der Kolonialpolitik eine historische Rolle zu: „Das Monopol ist aus der Kolonialpolitik erwachsen. Den zahlreichen ‚alten‘ Motiven der Kolonialpolitik fügte das Finanzkapital noch den Kampf um Rohstoffquellen hinzu, um Kapitalexport, um ‚Einflusssphären‘ – d.h. um Sphären für gewinnbringende Geschäfte […] – schließlich um Wirtschaftsgebiete überhaupt“. (Lenin 1973: 765) Köbele verkürzt den ökonomischen Zusammenhang zwischen Imperialismus und Kolonialismus auf einen Satz: „Der Kolonialismus hatte sich bereits vor der Herausbildung des Imperialismus entwickelt“. (2026: 15)

Im Folgenden versuche ich eine kurze historische Darstellung einer Thematik vorzulegen, die Jahrhunderte umfasst und nicht vollständig sein kann.

Südamerika – Kolonialisierung und Unabhängigkeitskämpfe

Es ist richtig, dass Südamerika von spanischen Entdeckern besetzt wurde, und der Erdteil war nicht einzig eine spanische Kolonie. Portugal hatte den sogenannten inneren Raum, das spätere Brasilien, besetzt. Jedoch hatten im Nordosten die Franzosen, Engländer und Niederländer Gebiete besetzt, Surinam und Britisch-Guyana sowie Französisch-Guyana. In Köbeles Referat werden die Kämpfe der indigenen Völker Südamerikas völlig ausgeblendet.

Es existierten auf dem südamerikanischen Kontinent unterschiedliche Kulturgebiete, Völker mit hoch entwickelten Kulturen. Bald nach der Besetzung durch die Spanier wurden die Unterwerfung und Ausrottung der Azteken-, Maya- und Inkareiche vorgenommen.

1492 entdeckte Kolumbus die karibischen Inseln, 1499 gelangten Spanier an die Ostküste Südamerikas – später Kolumbien, nach Kolumbus benannt. Es bestand dort ein Königreich, spanische Niederlassungen entstanden. Immer wieder erhoben sich die indigenen Völker. 1810 begann der Unabhängigkeitskrieg, der 1819/22 unter Führung von Simon Bolivar, zur Errichtung der Republik Großkolumbien (heute: Kolumbien, Venezuela, Ekuador) führte. 1849 und 1853 erfolgte die Vertreibung der Jesuiten und die Aufhebung der Sklaverei.

Die katholische Kirche hatte in den südamerikanischen Kolonien mit Beginn der Übernahme durch die spanische und portugiesische Krone einen großen Einfluss. Missionierung hatte Vorrang vor Entwicklung von Manufakturen und dem Fabrikstadium. Alte Kulturen der Indigenen wurden zerstört. Edelmetalle und Rohstoffe wurden außer Landes in die Mutterländer gebracht. Daher entwickelte sich der Kapitalismus zunächst sehr langsam in diesen Ländern, was auch Auswirkung auf die langsame Entwicklung der Arbeiterklasse hatte. Kommunistische Bewegungen rekrutierten sich später aus den Befreiungsbewegungen.

Die Entdeckung der Gebiete Südamerikas um 1500, ihre Kolonialisierung, die Unabhängigkeitskriege ab Beginn des 19. Jahrhunderts, die Erhebung zu Nationalstaaten fallen in den nachfolgenden Ländern alle etwa in diese Zeiten. In allen südamerikanischen Kolonien entwickelte sich ein nationales Gutsbesitzertum, das die Siege der Völker in den Befreiungskämpfen für sich reklamierte, feudale und kapitalistische Wege beschritt. Doch die Aufhebung der Sklaverei und die Einschränkung der Macht der Kirche oder gar die Vertreibung von Missionaren waren Siege für die Völker. Sie begannen sich zu emanzipieren.

Brasilien – eine portugiesische Kolonie – erhielt seine staatliche Gleichberechtigung mit Portugal, nachdem der portugiesische König Jòao VI vor Napoleon I 1807 nach Brasilien geflohen war. 1822 erklärte Pedro I Brasilien zur unabhängigen Monarchie. Während des 2. Weltkrieges drang der USA-Imperialismus verstärkt in Brasilien ein. Jedoch konnten angesichts der ökonomischen und militärischen Überlegenheit und der raffinierten Taktik (Divide et impera!) der Kolonialmächte, die voneinander isolierten, lokal begrenzten, in der Regel politisch nicht klar profilierten und nicht die Masse der Bevölkerung erfassenden Befreiungskämpfe keine dauerhaften Siege erringen.

Inwieweit die nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege Einfluss auf die Unabhängigkeitskämpfe in Südamerika nahmen, ist sekundär. Die Monroe-Doktrin von 1823 spielte noch keine Rolle, da sie zunächst gegen das alte Europa gerichtet waren. Erst 1903 mischten sich die USA in Kolumbien ein, in einigen Ländern noch viel später. Insofern ist es falsch, die Unabhängigkeitskämpfe der südamerikanischen Völker an die Unabhängigkeitskriege der nordamerikanischen neuen Staaten anzuhängen.

Die „Erfolgreichen“

Der indische Marxist Vijay Prashad nennt sie die „Erfolgreichen“: die imperialistischen Länder USA, Kanada, Neuseeland, Australien und Israel, einst Kolonien, die dann selbst Siedlerkolonialismus betrieben und betreiben. „Im Laufe der Jahrhunderte schuf Europa [nach Indien] mehrere weitere Kolonialprojekte für weiße Siedler außerhalb seines historischen Kerns in Amerika und Australasien, darunter Kenia, Südafrika und Simbabwe. Die ‚Erfolgreichen‘ taten dies nicht, indem sie sich auf unbewohntem Land niederließen, wie der Mythos der terra nullius weismachen will, sondern durch Völkermord und militärische Erorberung, um mehrheitlich weiße Bevölkerungen und Staaten zu schaffen. […] Fünf von ihnen sind heute noch übrig: die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neuseeland und Israel, allesamt Projekte Großbritanniens – wobei letzteres seine kolonialen Eroberungen ab Mitte des 16. Jahrhunderts in Irland begann.“ (2024: 6f., Hervorhebung im Original)

Die Charakteristik der USA und deren Aufstieg, von einer Kolonie des Vereinigten Königreiches, deren Siedlerkolonie, zur stärksten Militärmacht und einst stärksten Wirtschaftsmacht hätte im Referat Beachtung finden müssen. Die Behauptung in Köbeles Referat: „Im Zuge der Unabhängigkeit der USA von Britannien kam es dann zur Unabhängigkeit der sich herausbildenden Nationalstatten Südamerikas, die dann allerdings 1823 mit der Monroe-Doktrin zu ihrem Hinterhof erklärt wurden“ (2026: S. 15), ist zu kurz gegriffen. Zum anderen wäre es hier sinnvoll, die historisch verbürgte, u.a. in der Monroe-Doktrin zutage tretende Aggressivität mit den aktuellen Verbrechen des US-Imperialismus in Zusammenhang zu bringen, denn die Expansions- und Herrschaftsgelüste sind schon in der Entstehungs- und Gründungsgeschichte verankert. Über allen Maßen wird dies deutlich im Landraub von und in der Auslöschung der nordamerikanischen, indigenen Bevölkerung. Parallel zur Vertreibung und Ausrottung der Indigenen Völker durch einwandernde englische Aristokraten, Kaufleute und in der Alten Welt verfolgte religiöse Gemeinschaften entstanden zwischen 1607 und 1733 an der Ostküste Nordamerikas 13 überwiegend britische Kolonien.

Der Kapitalismus wurde entwickelt durch gnadenlose ursprüngliche Akkumulation, durch Siedlerkolonialismus, Ausrottung der Ureinwohner und Sklaverei bis hin zur Monroe-Doktrin von 1823 mit der Überzeugung, auserwählt zu sein. So handeln die herrschenden Kreise der USA auch im 21. Jahrhundert. Die Ideologie des Exzeptionalismus stand und steht in unmittelbarer Beziehung zum Anspruch, Werkzeug des christlichen Gottes zu sein, ebenso wie in Wechselbeziehung zur Entwicklung zum Monopolkapitalismus. Prof. Bernhard H. F. Taureck schreibt in seinem Beitrag „Der thermonukleare Doppelabwurf von 1945: Verlauf, Tendenzen, Probleme. Überlegungen zum 80. Jahrestag des mit dem Doppelabwurf einsetzenden atomaren Zeitalters“: „Truman gab eine theologische Bewertung nach dem Doppelabwurf der Atombomben in seiner Radioansprache vor: Wir danken Gott, dass er sie [die Atombombe] uns statt unseren Feinden zur Verfügung stellte, auf dass Er uns leitet, sie nach Seinem Belieben und seinen Plänen einzusetzen. Diese heute merkwürdigerweise nicht mehr zitierte Bemerkung steht jedoch nicht allein, sondern bestätigt, dass die USA sich mit ihrer Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf einen Höchsten Weltrichter (Supreme Judge of the world) und auf die Beschützung durch eine göttliche Vorsehung (the Protection of Divine Providence) berufen. Daher war es folgerichtig, dass nicht die USA die Verantwortung für den Einsatz der Atombombe besaßen, sondern jene allmächtige Gottheit, an deren Existenz die politischen Entscheider der USA offenbar glaubten. Zur gleichen Zeit urteilte Churchill, der Doppelabwurf sei das Weltgericht. Mit den japanischen Toten ereigne sich das Jüngste Gericht.“ (2025, Hervorhebung im Original)

Die Oktoberrevolution 1917 in Russland und die Wende im Befreiungskampf

Das imperialistische Kolonialsystem, dass die Gesamtheit der Kolonien, Halbkolonien und abhängigen Gebiete Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Ozeaniens einschloss, hatte bis 1917 69 Prozent der Weltbevölkerung und 72 Prozent des Territoriums der Erde unterworfen. Unbeachtet werden in Köbeles Referat die zahlreichen Aufstände, Erhebungen und Revolutionen der Völker in den Kolonien nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland. Stattdessen schreibt Köbele: „Die zweite große Phase der Dekolonialisierung begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sie dauerte bis in die 60iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. […] Eine dritte Phase begann mit der Nelkenrevolution in Portugal 1974“. (2026: S. 15f.)

Dem muss ich in mehrfacher Hinsicht widersprechen: Die zweite Phase der nationalen Befreiungsbewegung – und nicht „Dekolonisierung“, dies ist ein bürgerlicher und verschleiernder Begriff – begann nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland und reichte bis 1945. Eine dritte Phase der nationalen Befreiungsbewegung begann nach dem Zweiten Weltkrieg und reichte bis in die Mitte der Siebzigerjahre. Hier war 1960, das „Jahr Afrikas“, ausschlaggebend und nicht die Nelkenrevolution. Der Begriff der „Dekolonisierung“ beschreibt faktisch den Rückzug einer Kolonialmacht und wird den nach Freiheit strebenden Völkern nicht gerecht. Denn die Völker haben sich niemals mit der kolonialen Versklavung abgefunden. Die Geschichte der Kolonialexpansion und -herrschaft war zugleich die Geschichte heroischer, opferreicher Kämpfe der kolonial unterdrückten und abhängigen Völker.

Unreflektiert erscheint die Aussage von Köbele, dass die Völker keine Möglichkeit hatten der kolonialen Unterdrückung zu entrinnen, da die „koloniale Phase sie daran gehindert hatte“ (2026: S. 16) Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren die kolonialen Mächte stark genug, um ein Auseinanderbrechen ihrer Kolonialreiche aufzuhalten. Aber die Macht bröckelte schon. Ebenso übersieht Köbele, dass der Befreiungskampf der Volksrepubliken China und Vietnam und der Koreanischen Volksdemokratischen Republik später in den Aufbau des Sozialismus einmündete. Die Revolutionstheorie Lenins gäbe Auskunft über die Verläufe von proletarischen Revolutionen. Aber es ist hier nicht der Platz für ausführliche Zitate.

Ein stürmisches Anwachsen der nationalen Befreiungskämpfe in den Jahren 1917 bis 1945 leitete die Krise des imperialistischen Kolonialsystem ein. Die Volksrevolution des mongolischen Volkes 1921. Die chinesische Revolution von 1925 bis 1927 und der antijapanische Befreiungskrieg des chinesischen Volkes von 1937 bis 1945, die antiimperialistischen Aufstände in Korea 1919. Die Aufstände in Ägypten 1919, in Persien 1920/21, in Nikaragua 1926/33, auf Kuba 1933, die antikolonialen Kampagnen der indischen Völker unter Gandhi und Nehru, die Volksfront in Chile 1938/41 sowie der antifaschistische Widerstandskampf der Völker Ost- und Südostasiens im Zweiten Weltkrieg sind dafür die markantesten Beispiele.

Unaufhaltsamer Zerfall des imperialistischen Kolonialsystems

Von 1945 bis 1960, mit dem Sieg der Sowjetunion und der Antihitlerkoalition im Zweiten Weltkrieg und einer grundlegenden Veränderung des Kräfteverhältnisses zugunsten des Sozialismus, des Friedens und des gesellschaftlichen Fortschritts begann der unaufhaltsame Zerfall des imperialistischen Kolonialsystems. Dieser Zerfallsprozess offenbarte sich zuerst in Ost- und Südostasien, wo die Völker Nordkoreas, Vietnams, Laos‘, Kambodschas und Indonesiens 1945, der Philippinen 1946, Indiens 1947 und Burmas 1948 ihre politische Unabhängigkeit erkämpfen konnten. 1949 kulminierte der Kampf des chinesischen Volkes in der Ausrufung der Volksrepublik. Anfang der Fünfzigerjahre erfassten die Befreiungskämpfe in voller Breite den arabischen Raum. Im Jahre 1959 siegte die Revolution auf Kuba und leitete eine neue Etappe im Befreiungskampf der lateinamerikanischen Völker ein.

Befreiungskämpfe bis in die Mitte der Siebzigerjahre

1960 läutete den Zusammenbruch des imperialistischen Kolonialsystems auf dem afrikanischen Kontinent ein. Die meisten noch imperialistischen Kolonien im subsaharischen Afrika erlangten ihre Unabhängigkeit. So beendete 1962 das algerische Volk seinen Befreiungskrieg. Der antiimperialistische und antioligarchische Kampf der Völker Lateinamerikas führte zu revolutionären Veränderungen in Panama, Peru, Bolivien und erreichte seinen Höhepunkt in der Unidad Popular in Chile 1970/73. Die imperialistischen Kräfte vermochten diese positive Entwicklung abzubrechen, was in Chile 1974 erreicht wurde. Dagegen erkämpften die Völker Vietnams, Laos und Kambodschas 1975 einen heroischen Sieg in ihrem seit 1945 währenden Kampf gegen ausländische Intervention und einheimische Reaktion.

Nicht die Nelkenrevolution in Portugal 1974/75/76 war der Anlass für die nationale Befreiungsbewegung in Mozambique, Angola und Guinea. Am 25. April 1974 wurde das faschistische Regime in Portugal durch patriotische Militärs gestürzt. Die Befreiungsbewegungen der Völker und der wachsenden Opposition hatten bereits 1961 begonnen. In Angola wurde ab März 1961 unter Führung der MPLA ein bewaffneter Kampf gegen das portugiesische Regime geführt. Die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der ehemals in Kolonien unterdrückten Völker erfolgte 1974 durch eine der wechselnden Regierungen in Portugal.

Mit der Befreiung der portugiesischen Kolonien brachten die Völker das letzte imperialistische Kolonialreich zum Einsturz. In der historisch kurzen Zeit von nur 30 Jahren entstanden auf den Trümmern der ehemals weltumspannenden Kolonialimperien rund 80 neue, politisch unabhängige Staaten, die ein in seiner Bedeutung stetig wachsender Faktor in der Gestaltung der internationalen Beziehungen wurden. Diese welthistorisch bedeutsame Entwicklung war das Ergebnis des opferreichen Kampfes, der einst uneingeschränkten Solidarität und allseitigen Unterstützung durch das sozialistische Weltsystem und der Sowjetunion als seiner Hauptkraft.

Mit der Erringung der politischen Unabhängigkeit endete die erste große historische Etappe des Kampfes der ehemals unterdrückten Völker um ihre Befreiung. Ein langer Weg zur Erringung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit stand jetzt den jungen Nationalstaaten bevor. Der imperialistische Neokolonialismus konnte damals durch das Handeln der sozialistischen Länder gebremst werden, angefangen mit der Unterstützung der Nationalen Befreiungsbewegungen, bis zur wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Hilfe. Aufgrund des veränderten Kräfteverhältnisses bot sich den befreiten Völkern erstmals die Möglichkeit, neue Wege der gesellschaftlichen Entwicklung zu gehen, auch die wirtschaftliche Rückständigkeit zu überwinden. Umso schmerzhafter war der Zusammenbruch der Sowjetunion und der sozialistischen Staaten Osteuropas bis 1991, auch für die jungen Nationalstaaten. Hemmungslos griffen nach Zusammenbruch des sozialistischen Lagers imperialistische Länder wieder vor allem in Länder Afrikas ein, Förderung der ökonomischen Abhängigkeit und des Nationalismus von Völkern und Stämmen.

Wie wird es weitergehen?

Der Wirtschaftswissenschaftler Jörg Goldberg erinnerte auf der Rosa-Luxemburg- Konferenz am 10. Januar 2026 an Rosa Luxemburgs Weitsicht vor mehr als 100 Jahren: „Seit 500 Jahren fast ununterbrochener Dominanz über die Welt wird diese Dominanz bedroht vom Aufstieg von Ländern des Südens. Luxemburg schrieb in ihrem Hauptwerk ‚Die Akkumulation des Kapitals‘ sehr weitsichtig von den kapitalistisch emanzipierten früheren Hinterländern des Kapitals, die nun als Konkurrenten der imperialistischen Hauptländer auftreten. Das ist der erste epochale Umbruch, den wir heute erleben“. (2026: S. 6)

Anstatt eines Epilogs erlaube ich mir, die Schrift Die Akkumulation des Kapitals. Oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik von Rosa Luxemburg zu zitieren: „Das Kennzeichen des Imperialismus als des letzten Konkurrenzkampfes um die Weltherrschaft ist nicht bloß die besondere Energie und Allseitigkeit der Expansion, sondern – dies das spezifische Anzeichen, dass der Kreis der Entwicklung sich zu schließen beginnt – das Zurückschlagen des Entscheidungskampfes um die Expansion aus den Gebieten, die ihr Objekt darstellen, in die Ursprungsländer. Der Imperialismus führt damit die Katastrophe als Daseinsform aus der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung nach ihrem Ausgangspunkt zurück. Nachdem die Expansion des Kapitals vier Jahrhunderte lang die Existenz und die Kultur aller nichtkapitalistischen Völker in Asien, Afrika, Amerika und Australien unaufhörlichen Konvulsionen und dem massenhaften Untergang preisgegeben hatte, stürzt sie jetzt die Kulturvölker Europas selbst in eine Serie von Katastrophen, deren Schlussergebnis nur der Untergang der Kultur oder der Übergang zur sozialistischen Produktionsweise sein kann.“ (1921: S. 117)

Literaturverzeichnis

GOLDBERG, J.: Aufrüstung in Schallgeschwindigkeit. Die Epochenkrise des westlichen Kapitalismus und die politischen Folgen in der Bundesrepublik, in: junge Welt, Mittwoch, 28. Januar 2026, Nr. 23, S. 6-7.

KÖBELE, P. (2026): Überlegungen zur aktuellen Analyse und zu Entwicklungen des Imperialismus, in: DKP Intern Nr. 01/2026. 4. Tagung des Parteivorstands, 31. Januar / 1. Februar 2026, Leverkusen, S 7 – 26.

KÖBELE, P. et.al. (2026): Konzeption der Theoretischen Konferenz zum Thema Imperialismus, in: DKP Intern Nr. 01/2026. 4. Tagung des Parteivorstands, 31. Januar / 1. Februar 2026, Leverkusen, S 46 – 47

LENIN, W.I. (1973): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß, in: W.I. Lenin. Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Band II. Berlin: Dietz Berlin, S. 643-770.

LUXEMBURG, R. (1921): Die Akkumulation des Kapitals. oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik von Rosa Luxemburg. Leipzig: Frankes Verlag G.m.b.H.

MARX, K. (1973): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals. Berlin: Dietz Verlag.

PRASHAD, V. (2024): Die neue Stufe des Imperialismus, in: Marxistische Blätter, Beilage 3_2024, S. 2-8.

TAURECK, B.H.F. (6. August 2025). Der thermonukleare Doppelabwurf von 1945: Verlauf, Tendenzen, Probleme. Überlegungen zum 80. Jahrestag des mit dem Doppelabwurf einsetzenden atomaren Zeitalters. Hrsg. von Deutscher Freidenker-Verband. Offenbach am Main. url: https://www.freidenker.org/?p=22563 (besucht am 29.03.2026). ohne Seitenangabe.


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