
von Rudi Hechler
Ich komme aus Mörfelden-Walldorf.
Meine Generation sah noch den flammenden Himmel – wenn die Städte verbrannten – über Zehntausend Tote in einer Nacht in Darmstadt.
Der deutsche Faschismus hatte die Welt mit Feuer überzogen – nun schlugen die Flammen zurück.
Ich höre noch die Schreie der Mütter und Ehefrauen – wenn die Gefallenmeldungen ausgetragen wurden.
Wir sahen noch die Krüppel, die mit einem Bein, mit einer Hand und leerem Blick nach Hause kamen.
Auch die Ausgemerkelten, die oft mehrere Konzentrationlager überlebt hatten, kehrten zurück – wir trafen Peter Gingold, Emil Carlebach, Hans Heisel, Wilhelm Hammann, Hans Schwert, Otto Roth und viele andere.
Lernten von ihnen.
Nach 1945 sangen wir bei den Naturfreunden:
“Wir sind die Jungen, die unruhevollen, denen das Leben verlockend winkt.“
Hitler tot – Krieg vorbei – Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
Wir hatten Hoffnung!
In dieser Zeit lernten wir Ellen kennen. Ein junges Mädchen – aber sie brannte – war voll mit Zorn – unterstützte uns. Damals rezitierten wir in unserem Singkreis den Text von Walter Dehmel:
Ist das alles schon wieder vergessen
Wie sie aus schützenden Hinterhalten Andersdenkende niederknallten?
Wie sie die braunen Verbände formierten Und welche Kreise sie finanzierten?
Wie sie protzten mit Orden und Tressen – Ist das alles schon wieder vergessen?
Ist das alles schon wieder vergessen
Wie sie die Juden zu Tode hetzten
Und die Erde mit Blut benetzten?
Wie sie bewusst den Kriegsbrand schürten
Und die Jugend aufs Schlachtfeld führten
And‘re Völker auszupressen – Ist das alles schon wieder vergessen?
Wir waren voll Zorn und Trotz und zogen unser FDJ-Blauhemden an – aber schon wurde die FDJ verboten . . .
Wir demonstrierten in Essen – hörten die Schüsse – sahen den toten Genossen Phillipp Müller. Es war der 11. Mai 1952 .
Lehrjahre!
Wir wollten mehr wissen – Ellen half uns.
Ihr Vater Otto Weispfennig half dabei. Er besorgte Theaterkarten.
Harry Buckwitz wurde Generalintendant der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Insgesamt 15 Brecht-Inszenierungen kamen auf die Bühne.
Die CDU schäumte. Außenminister Brentano verglich Brecht mit einem SA-Mann – die Junge Union demonstrierte vor dem Theater.
Was für eine Zeit – Ellen mittendrin – diskutierte überzeugte –
unvergessen: als sie während einer Aufführung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ laut und deutlich mehrmals Bravo rief!
So wurden wir stark – im Kopf und im Herz!
Was für Erinnerungen!
Ellen empfahl mir – alles über Heinrich Heine zu lesen.
Bei einem Besuch mit Überlebenden des KZ-Außenlagers Walldorf in Paris – stehe ich mit den Frauen am Heine-Grab.
Mein Lieblingsgedicht ist dort in den Stein eingeschlagen:
Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste Eingescharrt von fremder Hand? Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben Gotteshimmel,
dort wie hier,
Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir
Ellen hat es sehr gefallen, als ich ihr davon erzählte – meine „Freidenker-Bemerkung“ zu „Gottes Himmel“ hat sie sofort zurückgewiesen.
Erinnern kann ich ich auch, wie sie auf den Satz bei William Shakespeare gestossen war:
Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden?
Sie hat die Hamlet-Satz so oft zitiert! Ellen war belesen – noch in ihrer letzten Zeit lag die FAZ auf ihrem Tisch im Pflegehein – säuberlich waren die für sie wichtigen Sachen rot unterstrichen.
…und sie liebte es, wenn in Reden und Artikeln auch Literatur auftauchte.
So gefielen ihr dann auch unsere Vorführungen und Auftritte – hier muss man Namen von Helfern nennen:
Ohne die Genossen Georg Paulus, Heinz Hechler, Heiner Halberstadt und natürlich auch unsere unvergessenen: Ruth und Willi Malkomes u.a. wäre vieles nicht so gelungen, dass es noch heute bedeutsam und aktuell ist.
Ellen war kritische Begleiterin – in der Zeit als die KPD verboten war und diese Kulturarbeit eine große Bedeutung hatte.
Immer wieder zitierte sie Goethe:
Geh, gehorche meinen Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein;
Du musst steigen oder sinken,
Du musst herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboss oder Hammer sein.
…und das Friedenslied – wir sangen es nach dem Krieg – hat ihr sehr gefallen. Der Text schrieb der österreichische Kommunist Ernst Fischer und wurde von Hanns Eisler 1949 vertont.
Der Blitz schlägt ein, und der Regen fällt,
und der Wind hat die Wolke gebracht,
doch den Krieg trägt nicht der Wind in die Welt,
den Krieg haben Menschen gemacht.
Es dampft die Erde im Frühlingsrausch,
und der Himmel wird hoch und still,
doch der Friede grünt nicht wie das Gras und der Strauch,
er blüht, wenn der Mensch es will.
Völker, ihr selbst seid das Schicksal der Welt, eurer Kraft werdet eingedenk.
Der Krieg ist kein Gesetz der Natur, und der Friede ist kein Geschenk.
(….)
Und wenige sind’s, die haben den Stahl,
und es lohnt sich für sie nicht der Pflug,
Und den wenigen wird die Erde zu schmal,
und nichts ist ihnen genug.
Sie zählen die Menschen,
sie zählen das Geld,
und Krieg ist die letzte Bilanz.
Die wenigen sind zuviel auf der Welt.
Macht Schluss mit dem Totentanz!
Mutter, es geht um dein eigen Kind,
wehr dich und lass es nicht zu,
und ob wir Millionen mächtiger sind
als der Krieg, das entscheidest du.
Und das ist jedermanns großer Entscheid
und sagen wir alle: Nein!
Dann wird der Krieg die Vergangenheit
und der Frieden die Zukunft sein.
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