
von Kuno Füssel / Andernach
1) Der neue Papst
Seit dem 8. Mai 2025, ein in sich bereits denkwürdiges Datum, hat die katholische Weltkirche ein neues Oberhaupt: Kardinal Robert Francis Prevost wurde zum Papst gewählt und hat den Namen Leo XIV. angenommen. Er ist Nordamerikaner aus Chicago, lebte mit Unterbrechungen von 1985 bis 2023 in Peru, zuerst als Missionar, dann als Ausbildungsleiter seines Ordens und schließlich als Ortsbischof der Diözese Chiclayo. Als solcher wurde er 2023 in die Kurie nach Rom berufen. Er hat neben der amerikanischen auch die peruanische Staatsbürgerschaft und entwickelte von daher eine besondere Sensibilität für die Probleme von Migranten. In seinem Amt als Vorsitzender des Dikasteriums für die Bischöfe wurde er dann unter Papst Franziskus zum Kardinal und als solcher im Konklave vom 7.-8. Mai 2025 zum neuen Papst gewählt. Kurz und auch so gut: Er kennt die USA, er kennt Lateinamerika, er kennt die päpstliche Kurie und spricht fließend mehrere Sprachen. Er kennt nicht nur seine Kirche, sondern auch die moderne Welt und wird sich demnächst auch zur KI äußern. Immerhin hat er auch Mathematik studiert, was auch in der Theologie die Präzision fördert.
2) Der friedenstheologische Diskurs
Bei diesem Diskurs geht es um mehr als nur um eine ethische Grundorientierung. Es geht um den Entwurf einer allgemeinen Lebensform, so wie es der hebräische Begriff Shalom und der arabische Begriff Salam ausdrücken, die ja nicht auf bloße Grußformeln reduziert werden dürfen.
Es ist nicht überraschend, wenn ein Papst, wie es Leo XIV tat, gleich zu Beginn seiner Verlautbarungen die Sorge um den Frieden in den Vordergrund stellt. Das gehört seit mehr als 150 Jahren bei allen Päpsten zum Kernbestand ihrer Verlautbarungen. Aber bei Papst Leo XIV. fällt auf, dass er gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftreten nach seiner Wahl auf der Loggia des Petersdomes einen eindringlichen Friedensappell formulierte. Man darf daher davon ausgehen, dass die Friedensfähigkeit von Menschen und Staaten bei den Anliegen des Papstes an oberster Stelle steht, was angesichts der geopolitischen Instabilität einleuchtet, aber insofern doch überrascht, weil damit innerkirchliche Reformprobleme, erwähnt seien nur Synodalität und Frauenordination, dahinter rangieren.
3) Der Konflikt des amtierenden US-Präsidenten mit dem Papst
Genau die Ermahnung zum Frieden ist dann auch der Auslöser einer wütenden Attacke von Donald Trump gegen den Papst, der seiner Unzufriedenheit mit dem neuen Papst bereits in einem plumpen Kommentar bei der Wahl dieses besonderen Nordamerikaners ins Papstamt Luft gemacht hatte.
Am 15. April 2026 meldet die Tagesschau der ARD: Donald Trump hat die Haltung des Papstes wegen dessen Kritik am Krieg gegen den Iran in einer Wutrede mit Attributen wie „schrecklich“ und „schwach“ verunglimpft, was bisher in der politischen Landschaft bei aller sich vorher bereits abzeichnenden Gegensätzlichkeit der Auffassungen zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Papst in Rom, worauf gleich noch hinzuweisen ist, undenkbar schien. Angesichts eines seit längerem verdächtig krankhaft agierenden US-Präsidenten fällt es allerdings schwer, hinter dieser absurden Attacke noch eine durchdachte Strategie ausfindig zu machen. Dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat Trump dann als er in seinem Social-Media-Kanal zusätzlich noch ein KI-generiertes Bild postete, das ihn als krankenheilenden Messias porträtiert. Das hat zwar den Charakter einer perversen Entgleisung, stellt aber gerade als solche nur die eiskalte Zuspitzung der Instrumentalisierung zentraler christlicher Glaubensinhalte zur Erreichung der eigenen politischen Ziele dar. Entsetztes oder resigniertes Kopfschütteln über so viel eitle Selbstglorifizierung klärt aber die mehrfach antagonistische Situation nicht auf, was aber dringend nötig ist.
Er habe keine Angst vor der US-Regierung antwortete ruhig und gelassen Papst Leo. Er bewahrte so nicht nur die Ruhe, sondern deckte zugleich auch auf, dass diese Entgleisung wohl doch das Ziel hatte, Angst zu verbreiten.
Aber schon länger knirscht es erkennbar in den Beziehungen zwischen „Rom und Washington“. Bereits im Vorjahr hatte Papst Leo XIV: die Migrationsgesetze von Trump als „extrem respektlos“ gegenüber den Fremden kritisiert. In diesem Frühjahr mahnte er zur Einhaltung des Völkerrechts im Umgang mit Venezuela und kritisierte die Okkupationsgelüste bezüglich Grönland. Im Februar lehnte der Papst eine Beteiligung an dem von Trump einberufenen „Friedensrat“ ab. Auch Trumps Einladung zum 4. Juli zur Feier des 250. Jahrestages der Unabhängigkeitserklärung von 1776 schlug der Papst aus, wobei er die sehr bezeichnende Entschuldigung angab, er werde an diesem Tag nach Lampedusa reisen. Das war deutlich genug. und brachte nun das Fass der Trumpschen Gereiztheit zum Überlaufen.
Der eher sanft anmutende, aber doch sehr entschlossene Papst Leo hatte dies aber wohl miteinkalkuliert, denn er hat ja keine Angst vor der Trump-Regierung und reizt auch gerne die Karten der Diplomatie bis zur letzten aus.
4) Die staatstheoretischen Aussagen des hl. Augustinus als wichtige Referenz
Durch sein Leben und auch seine Karriere im Augustinerorden hat Papst Leo entsprechend profunde Kenntnisse der Lehren des hl. Augustinus (+430), Bischof von Hippo in Nordafrika, das deswegen Papst Leo ja auch bei seiner jüngsten Reise nach Algerien bewusst aufsuchte. Diese Kenntnisse werden von der wissenschaftlichen Seite her noch besonders gestärkt durch seine lebenslange Freundschaft mit dem heutigen Herausgeber des internationalen Augustinus-Lexikons, Robert J. Dodaro. Beim Thema der Friedensproblematik dürften vor allem die Ausführungen von Augustinus in seinem Hauptwerk „De civitate Dei =über den Gottestaat“ zur Gerechtigkeit als notwendiger Grundlage eines menschenwürdigen Staatswesens dem Papst vor Augen gewesen sein. Am 26. Aug. 2025 hatte er schon bei einer Ansprache vor einem Netzwerk von Parlamentariern diesen ausdrücklich die Lektüre von „De civitate Dei“ ans Herz gelegt. Es lohnt sich, aus den Überlegungen des Augustinus eine ganz besondere Stelle ganz zu zitieren, die bei uns Theologiestudierenden 1968 mit Begeisterung in der Auseinandersetzung mit den lokalen Autoritäten eingesetzt wurde:
„Was sind überhaupt Reiche (Reich = imperium), wenn die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche. Sie sind eine Schar von Menschen, werden geleitet durch das Regiment eines Anführers, zusammen gehalten durch Gesellschaftsvertrag und teilen ihre Beute nach Maßgabe ihrer Übereinkunft. Wenn eine solch schlimme Gesellschaft durch den Beitritt verworfener Menschen so ins große wächst, dass sie Gebiete besetzt, Niederlassungen gründet, Staaten erobert und Völker unterwirft, so kann sie mit Fug und Recht den Namen >Imperium> annehmen, den ihr nunmehr die Öffentlichkeit beilegt, nicht als wäre die Habgier erloschen, sondern weil Straflosigkeit dafür eingetreten ist.“ (De civitate Dei, IV,Nr.4)
Es springt ins Auge, dass Augustinus hier mit Sarkasmus den Aufstieg des Imperium Romanum von einer „Räuberbande“ zum Weltreich, was in den folgenden Kapiteln seines Werkes dann mit Belegen ausführlich untermalt wird, aufs Korn nimmt. Er schildert aber damit auch exakt einen durch die Suspendierung der Gerechtigkeit ermöglichten, expandierenden Unterwerfungsprozess, der auch für die modernen Unterwerfungs- und Ausbeutungsprozesse den Namen, nämlich Imperialismus, geliefert hat. Der Papst macht sich mit seiner Kritik die Scharfsicht seines Ordensgründers zu eigen und treibt prompt die modernen Organisatoren der kapitalistischen Räuberbanden zur Weißglut. Auch in der Antike gibt es also Quellen der Imperialismuskritik, man muss sie nur kennen und aus ihnen schöpfen.
In seinem ersten Lehrschreiben, das am 4.Oktober 2025 unter dem Titel „Dilexi te (=Ich habe dich geliebt). Über die Liebe zu den Armen“ veröffentlicht wurde hatte der Papst insbesondere der Einstellung von Augustinus zu den Armen ein eigenes Kapitel gewidmet. Es entbehrt nicht der Ironie, dass Trumps Vizepräsident J.D. Vance, der mit 35 Jahren 2019 zum römischen Katholizismus konvertierte und sich seitdem als Sprachrohr eines extrem integralistischen und postliberalen Katholizismus geriert, sich durch die Publikation einer völlig abwegigen Interpretation des Gebotes der Nächstenliebe bereits die Kritik des damaligen Kardinals Prevost zugezogen hatte.. Vance hatte doziert, dass es im katholischen Glauben eine Hierarchie der Liebe gäbe: Man liebt zunächst die Familie, dann den unmittelbaren Nächsten, dann das eigene Land und schließlich könne man auch noch den Rest der Wel und die Fremden lieben. Der Kurz-Kommentar von Kardinal Prevost bei einem Interview: „J.D Vance is wrong!.“
5) Eine Bewertung im Lichte der marxistischen Religionskritik
Bei der Auseinandersetzung zwischen dem Papst und Trump mit Gefolge wird kein Kampf ausgefochten, wie in den Medien bisweilen thematisiert, zwischen Moral, vertreten durch den religiösen Führer, einerseits und Macht, repräsentiert durch den Präsidenten der westlichen Führungsmacht, anderseits. Denn der Papst ist – salopp gesagt, nicht ohnmächtig und auch Trump nicht völlig unmoralisch. Es handelt sich vielmehr um eine fast lehrbuchreife Inszenierung des ideologischen Klassenkampfes., in diesem dann allerdings um sehr unterschiedliche Ebenen und Aspekte. Vor allem aber spielen die Kontrahenten nicht mit dem gleichen Einsatz und auf das gleiche Ergebnis.
Präsident Trump geht es vor allem um die Eroberung von Hegemonie mit allen Mitteln und auf allen Ebenen der Gesellschaftsformation, also in der Ökonomie, in der Politik und in der Ideologie, in die hier ohne Wertung auch die Religion eingeordnet sein soll. Nachdem er diese Hegemonie in den Instanzen Ökonomie und Politik zu haben glaubt, peilt er nun die dritte Instanz an. Da populistisch fundamentalistisch gefärbte Varianten christlicher Kirchen in den USA in der Politik eine erhebliche Rolle spielen, bietet es sich an, den mächtigsten religiösen Führer der Welt herauszufordern. Diese Annahme beansprucht nicht den Status einer seriösen Forschungshypothese, ist aber relativ plausibel.
Dem Papst hingegen geht es um den überzeugenden Erweis der Wahrheit des Evangeliums von Liebe und Gerechtigkeit für diese Welt und in dieser Welt, abgekürzt formuliert um das Reich Gottes als die Verwirklichung einer messianischen Alternative im Kontrast zu den bestehenden Gesellschaftssystemen. Dies hat er in seinen langen Jahren in Peru durch sein Leben und seinen Kampf für die Armen und Ausgebeuteten, wobei er auch handfeste Konflikte mit der Regierung nicht scheute, praktisch unter Beweis gestellt. Seine Option für die Armen stand nicht nur im Predigttext, sondern verkörpert als Bischof mit Stiefeln im Wasser einer die Armenviertel bedrohenden Überschwemmung.
Wieso können wir hier auch von einer Form des Klassenkampfes sprechen? Trump und Co, vor allem J.D. Vance und Peter Hegseth (aber auch Peter Thiel wäre hier einzugemeinden) instrumentalisieren Elemente der christlichen Weltanschauung zur ideologischen Herrschaftsabsicherung und auch zur Rechtfertigung von Kriegen gegen die „Schurkenstaaten“; hier werden vor allem eschatologische Vorstellungen von einem Endkampf zur Vernichtung des Bösen passend zugeschnitten. Trump möchte das Christentum zu einem ideologischen Staatsapparat umbauen, der die Reproduktionsbedingungen des Kapitals garantiert und erweitert. Dies erstreckt sich von der Usurpation pastoraler Praktiken in den Gemeinden vor Ort in Form von MAGA-Jubelfeiern bis hin zur theologischen Legitimation der Vernichtung des Gegners. US-Kriegsminister Peter Hegseth führt dies paradigmatisch vor, wenn er immer wieder die GI`s auffordert, mit unerbittlicher Gewalt im Vertrauen auf Jesus Christus gegen die Feinde vorzugehen, die keine Gnade verdienten. Er dokumentiert diese an die Kreuzzüge erinnernde Denkweise, indem er selber deren Spruch „Gott will es –Dio vult“ tätowiert auf dem Arm trägt.
In dieser Form fällt die christliche Religion nahtlos unter das Verdikt der marxistischen Religionskritik, als reines Überbauphänomen die Widerspiegelung der verkehrten gesellschaftlichen Verhältnisse zu sein, die dann auch mit verschwindet, wenn die verkehrten Verhältnisse aufgehoben sind. K. Marx hat eine andere Form von Religion nicht näher thematisiert (aber auch nicht kategorisch verneint), dass eine emanzipatorische Religion zum Ferment einer revolutionären Veränderung werden kann, was die Auffassung der Theologie der Befreiung ist, durch die Papst Franziskus und Papst Leo theologisch geprägt wurden. Diesen theologischen Ansatz konnten Päpste wie Johannes Paul II. und Benedikt XVI: nie mit vollziehen, was nur beweist, dass die Klassengegensätze sich bis ins päpstliche Lehramt fortsetzen können, was überhaupt nichts Neues ist. Der Gegensatz zwischen einem „imperial-idolatriekompatiblen Christentum und einem prophetisch messianischen Christentum“ (Urs Eigenmann) prägt die Kirche seit der sog. konstantinischen Wende als die Kirche (313 n.Chr.) als verfolgte Staatsfeindin durch den Kaiser in das genaue Gegenteil einer Staatskirche umgewandelt wurde. Eine „Wandlung“ der besonderen Art, eher „unheilig“ als „heilig“.
Als überzeugter Anhänger der messianischen Alternative hoffe ich, dass Papst Leo XIV. seiner Linie des Protestes und des Kampfes gegen „alle Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes und geknechtetes Wesen ist“ treu bleibt.
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