Zum Beitrag von Willi Gerns (Detlef Fricke )

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Willi Gerns hat ein hohes Ansehen in weiten Teilen der Partei. Viele – so auch ich – sind ideologisch unter ihm und anderen Genossinnen und Genossen groß geworden.

Wenn ein solcher Genosse öffentlich gegen die Parteiführung auftritt, erregt dies Aufsehen in der Partei, jedenfalls in dem Teil der Partei, der an der Diskussion programmatischer Fragen interessiert ist. Es bedeutet Parteinahme in der innerparteilichen Auseinandersetzung, auch wenn sich Willi am Ende seines Beitrages gegen das Infragestellen programmatischer Grundaussagen durch die eine oder andere Richtung positioniert.

Und schließlich kann es ein Verdikt sein, das die notwendige Diskussion der Thesen erschwert.

Aber jetzt zu einigen seiner inhaltlichen Positionen :

  1. Willi formuliert, in kommunistischen Parteien sei es üblich, Programme und programmatische Aussagen nur dann neu zu formulieren, wenn sich die nationalen oder internationalen Bedingungen gravierend verändert hätten.
    Und was ist, wenn man zwischenzeitlich klüger wird?
  2. Ist nicht die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise oder – präziser formuliert -, dass dies nicht die Zeit der Linken ist, Anlass genug, grundsätzlich darüber zu diskutieren, woran das liegt, wie wir unseren Beitrag dazu leisten können, dass sich dies ändert, was die Rolle der Partei ist ?
  3. Die Rolle der Partei ist nicht nur in unserer Partei, sondern auch in und zwischen kommunistischen Parteien zumindest in der EU strittig. Wenn in dem Papier der 84 als Rolle der Partei formuliert wird, „ den Gegenangriff organisieren – die Klasse gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus mobilisieren“, so zeigt dies nicht nur eine grundlegende Verkennung der realen Kräfteverhältnisse, sondern verengt und verkürzt die Rolle der kommunistischen Partei auf die Formel  „ bewusster Vortrupp im Klassenkampf“. Und wenn dies noch verbunden wird mit der alten Formel des „Hineintragens von Bewusstsein in die Klasse“, trägt dies schon missionarischen Charakter.
  4. Und wir Kommunisten sind keine Missionare. Wir sind, wenn wir gut sind, aktiver Teil der Bewegung z. B. gegen Arbeitsplatz- und Sozialabbau, bringen unsere Ideen und Erfahrungen, unsere Kraft ein. Wenn ein Betrieb dichtgemacht oder outgesourct wird, sage ich den Betriebsräten, dass die das können, weil ihnen die Bude gehört, weil sie im Lande die Macht haben. Das leuchtet meistens ein, hilft aber in der konkreten Situation häufig nicht weiter. Wie die Menschen in Bewegung für ihre eigenen Interessen zu bringen, daran arbeiten – und scheitern allzu häufig – nicht nur wir, sondern eine Vielzahl von linken konsequenten Kräften.
  5. In unserem Land – wie weltweit – wird es nur dann  grundlegende Veränderungen geben, wenn die Menschen ihre Sache in die eigenen Hände nehmen. Weshalb soll dies nur heute im Kampf um eine andere Gesellschaftsordnung und nicht auch morgen im Sozialismus gelten?
    Wir haben die Erfahrungen von Chile 1973, wir haben aber auch politisch zu verarbeiten, dass der reale Sozialismus z. B. in der DDR wesentlich daran gescheitert ist, dass er nicht von den Menschen, insbesondere der Arbeiterklasse, aktiv verteidigt wurde. Und dann hilft auch keine Staatsmacht. Oder um es mit  Fidel Castro in „ Mein Leben“ -Gespräche mit Ramonet- nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu formulieren  „Warum konnten wir standhaft sein ? Weil die Revolution immer die Unterstützung des Volkes hatte, hat und haben wird, eines intelligenten Volkes, das zunehmend größere Einigkeit erlangt, gebildet und kämpferischer ist“.
    Und was ist dies anderes als Demokratie / Volksherrschaft ?

Detlef Fricke